ABSTRAKTER EXPRESSIONISMUS?
Ist diese Richtung in der zeitgenössischen Kunst wirklich abstrakt und wirklich nur expressiv? Ist sie vielleicht nicht einfach nur gegenstandslos und will zum Zweiten vielleicht beides Expression (Ausdruck) und Impression (Eindruck) darstellen? Die Kubismen des Picasso und des Braque waren wirkliche Abstraktionen. Man destruierte real Bekanntes (Existierendes), aber es blieb erkennbar, woher die Abstraktion kam. Schon die Kunst von Malewitsch, Mondrian oder Kandinsky kann nicht als Abstraktion oder `Abstrakte Kunst´ bezeichnet werden, denn welches real Bekannte haben sie denn abstrahiert? Sie sind dennoch die Väter dieser Kunst, nur ist sie eben nicht `abstrakt´! Nein sie haben nichts abstrahiert. Im Gegenteil sie haben anders als die Impressionisten, Expressionisten, Kubisten, Futuristen etc. das Abstrahieren geradezu abgelehnt und dadurch etwas ganz, ganz neues geschaffen, das nur mittels Abstraktion gar nicht möglich gewesen wäre. Ableiten muss für einen Künstler doch wohl Orientierung an Realem … an dinglich realer Existenz bedeuten. Davon kann bei der heute sogenannten `Abstrakten Kunst´ nun eben überhaupt nicht die Rede sein. Es sollte sich auch die Kunst und hier speziell die bildende Kunst, die Kunstkritik und die Kunstgeschichte einer sprachlichen Genauigkeit bedienen, um auch zukünftig die alleinige Deutungshoheit für sich beanspruchen zu können. Begriffe sollen im Allgemeinen einen Bedeutungsinhalt oder eine Vorstellung ausdrücken. Die Worte `abstrakt´, `abstrahieren´ und `Abstraktion´ aber sind eine Herleitung des lateinischen `abstrahere´,das hier mit `ableiten´ übersetzt werden muss. Die Abstraktion soll also eine Ableitung bezeichnen.
Kann dann in der Folge der 1946 von dem Kunstkritiker Robert Coates eingeführte Begriff `Abstrakter Expressionismus´ die damit gemeinte Kunst wirklich wiedergeben? Diese Frage stellt sich auch und besonders, weil doch dieser vermeintlich wissende Kunstkritiker dem von ihm so genannten `Abstrakten Expressionismus´ mehr als skeptisch gegenüberstand. So beschrieb er damals diese Richtung anlässlich einer Ausstellung des Künstlers Hans Hofmann in der in NewYork ansässigen Mortimer Brandt Gallery als `Klecks und Sudelschule der Malerei´ und dann, wie er schrieb, freundlicher als `Abstrakten Expressionismus´. Von ihm war es also von Anfang an negativ gemeint. Soll also dieser negativ gemeinte Begriff für diese Kunst bis heute wirklich angewandt werden? Das bis in unsere Gegenwart allerdings wohl auch wegen des damaligen Berichts des Vertreters der deutschen Exilliteratur Hans Sohl. Er berichtet, dass kurz nach dem 2. Weltkrieg eine Gruppe junger Künstler in New York auf der Suche nach etwas ganz Neuem gewesen sei, das weder abstrakt noch expressiv aber doch beides sein sollte. Darauf bezeichnete einer der späteren Hauptakteure, Jackson Pollock, diese heute anerkannte Richtung in der bildenden Kunst einfach als ABSTRAKTEN EXPRESSIONISMUS. Das aber kann nicht als Argument für die Richtigkeit dieses Begriffes herhalten. Jackson Pollock war ein ingeniöser Künstler aber eben kein Sprachwissenschaftler.
Ganz anders könnten sich Begriffe ergeben wie `Gegenstandslose Kunst´, `Irrelevant Art´ oder `Insubstantial Art´. Diese Begriffe erklären diese Kunst zwar etwas genauer, haben gleichzeitig inhaltliche Erklärungen parat, treffen aber den Kern immer noch nicht. Denn könnten dann nicht auch die fernöstlichen, arabischen, afrikanischen oder südamerikanischen Ornamente oder Verzierungen in diese Rubrik fallen oder auch die Kunst der Aborigines? Der Autor hat auch über einen Begriff wie `Anarchische Kunst` nachgedacht,, empfindet diesen aber als negativ. Eine Bezeichnung aber würde dieser Kunst wohl gerecht werden. Angelehnt an einen Begriff aus der Jazzmusik wäre`Freie Kunst´ oder `Free Art´ ein treffender und dazu auch positiv besetzter Begriff. Dann ist die Kunst im Schillerschen Sinne `eine Tochter der Freiheit´.
`Expression´ oder `Impression´? Ist das so einfach zu erklären? So kann ein bildender Künstler seine Sinneseindrücke mittels Form, Farbe, Linie, Kontur, Struktur oder Ordnung als eigene Empfindung (Impression) oder Stimmung wiedergeben oder aber mit selbigen Mitteln für den Betrachter eine Äußerung (Expression) darstellen, die eine Empfindung oder Stimmung beim Betrachter hervorrufen soll. Ist der Künstler durch eine Umgebung, durch eine Farblichkeit, durch Lichtverhältnisse, durch Jahreszeiten oder irgendwelche Formen als Impression selbst beeindruckt oder beeinflusst und will das wiedergeben, oder will er seine Kunst als Ausdruck (Expression) seiner selbst, seiner Ansicht, seiner Meinung oder besonderer Umstände verstanden wissen.
Ist es aber richtig, wenn sich moderne Kunst an Begriffen wie `Impression´ oder `Expression´ orientiert? Ist denn immer zumindest eines von Beiden überhaupt unabdingbar beabsichtigt? Kann es nicht auch einfach nur beabsichtigt sein, beides zu wollen … z.B. Freude oder auch Leid als ausdrücklichen Eindruck und/oder als eindrücklichen Ausdruck mittels Malerei mitzuteilen? Sollte es nicht ausreichen nur `den Bauch des Betrachters´ (Belly) ansprechen zu wollen. Dass wäre dann im Beethovenschen Sinn eine `Kunst an (für) die Sinne´ oder auf englisch einfach nur `Sentimental Art´. Das kann auch reichen und sogar eine Aufgabe sein. Das wären dann Untergruppen innerhalb unserer `Freien Kunst´. Muss der Betrachter oder einfach nur der Kunstliebhaber unbedingt philosophische oder soziologische Vorkenntnisse haben, um ein Kunstwerk zu verstehen? Das wäre nicht im Sinne der Künstler oder der Kunst ganz allgemein.
Kunst, wenn sie ein Positivum darstellen will, sollte immer Ästhetik auf ihrem Schild führen. Das heißt: Solche Kunst sollte ihren Betrachter erfreuen. Es wäre dann nicht nur eine `Kunst an die Sinne´ sondern eine `Kunst an die Freude´ oder `Art to Enjoy´.
